Aufmerksamkeit geboten: Futtermittelbetrug ist gefährlich und teuer

19 Oktober 2017

Ein Betrugszwischenfall kann einem Unternehmen bis zu 15 Prozent seines Jahresumsatzes kosten. Obwohl konkrete Zahlen fehlen, scheint die Zahl der Betrugsfälle in der Futtermittelwirtschaft zuzunehmen. GMP+ International, Eigentümer und Träger des GMP+-Zertifizierungssystems für die Futtermittelwirtschaft, plädiert für mehr Bewusstsein und das Übernehmen von Eigenverantwortung. „Stellen Sie selbst Ermittlungen an. Stimmt etwas nicht, sprechen Sie den Lieferanten an und finden Sie heraus, wo der Fehler entstanden ist.“

Der Transporteur und der Betriebsleiter schütteln einander die Hand. Der Lastwagen mit der Belieferung ist wie jeden Freitagnachmittag wieder angekommen. Nun ist jedoch im Gegensatz zu sonst die Plombierung am Transportwagen aufgebrochen. Als der Betriebsleiter den Transporteur darauf anspricht, erläutert dieser, er habe nach einer Übernachtung auf einem Parkplatz kontrolliert, ob die Fracht noch vollständig war. Der Betriebsleiter kennt den Transporteur schon länger und akzeptiert dessen Erklärung. Ausladen also.

 

Abmachung
Zeichen wie diese können auf Betrug hinweisen, erklärt Johan den Hartog, Geschäftsführer bei GMP+ International aus dem niederländischen Rijswijk. „Wenn mit dem Lieferanten vereinbart worden ist, dass die Erzeugnisse versiegelt abgeliefert werden sollen, dann muss sich der Lieferant auch immer daran halten. Akzeptieren Sie keine Ausreden, auch nicht, wenn es bei den vorherigen Malen immer gut gegangen ist. Sprechen Sie den Lieferanten darauf an. Abgemacht ist abgemacht. Unterwegs könnte mit der Fracht geschummelt worden sein. Mit einer unvollständigen Angabe des Firmennamens auf Frachtscheinen oder dem Kaufvertrag kann auch eine Irreführung hinsichtlich der Herkunft bezweckt werden.

Betrug ist Schwindel: Die vorsätzliche Verfälschung von Erzeugnissen (oder Informationen) zu Profitzwecken, beispielsweise indem verkehrte oder verbotene Erzeugnisse hinzugefügt werden. Diverse Zwischenfälle in der Futtermittelwirtschaft waren die Folge betrügerischen Handelns. Da der Betrug von den Tätern möglichst verschleiert wird, gelangen bei weitem nicht alle Fälle ans Licht, wodurch harte Zahlen über den Umfang des Phänomens fehlen. Wenn uns jedoch die Vergangenheit eines beigebracht hat, ist es die Tatsache, dass Betrug früher oder später aufgedeckt wird und zu Skandalen führt. 
Den Hartog: „Betrügerisches Handeln kommt noch immer vor und manche Akteure auf dem Markt haben ihre Lektion immer noch nicht gelernt. Sie nehmen auf Kosten anderer für ihren eigenen Profit bewusst Risiken in Kauf“, sagt Den Hartog. Zugleich weist er darauf hin, dass Fragen, die früher als Sicherheitsangelegenheit betrachtet worden wären, heutzutage als Betrug bezeichnet werden würden. „Aus Erfahrungen weise geworden, legen wir die Latte nun höher.“ Die zugenommene Bedeutung von Futtermittelsicherheit spielt darin eine große Rolle. „Die Normen und Werte haben sich verlagert“, so Den Hartog. „Vor Jahren wurde noch akzeptiert, dass auf einem Lieferschein von Hand Änderungen vorgenommen wurden. Jetzt ist das undenkbar.“

 

Keine Verbrecherjagd
GMP+ International geht es bei der Betrugsbekämpfung nicht um das Fassen von Verbrechern – das Thema Betrug ist kein spezifischer Bestandteil des GMP+-Zertifizierungssystems, es sei denn, der Betrug hat konkrete Folgen für die Unbedenklichkeit von Futtermitteln. „Auditoren sind keine Ermittlungsbeamten.“ GMP+ International geht es vor allem um das Bewusstsein und die Tatsache, dass Unternehmen die Verantwortung übernehmen.
„Unternehmen müssen immer aufmerksam sein“, findet Den Hartog. „Wird ein Erzeugnis zu einem niedrigeren Preis als dem Marktwert angeboten, müssen alle Alarmsignale losgehen. Vermuten Sie, dass nicht dasjenige geliefert wurde, was Sie bestellt haben, oder hat das Erzeugnis eine abweichende Farbe oder einen anderen Geruch? Führen Sie dann eine Analyse durch: Stimmen die Spezifikationen? Wurde eine andere Transportstrecke gefahren als vereinbart worden war? Stellen Sie selbst Ermittlungen an. Stimmt etwas nicht, sprechen Sie den Lieferanten an und finden Sie heraus, wo der Fehler entstanden ist.“
Das brauche nicht viel zusätzliche Arbeit zu bedeuten, betont er. Unternehmen mit einem GMP+-Zertifikat hätten bereits eine Infrastruktur für Krisenfälle aufgebaut. Jedes Unternehmen verfüge im Rahmen des Frühwarnsystems (EWS) über ein Krisenteam für Zwischenfälle mit bedenklichen Futtermitteln. „Verwenden Sie Ihre derzeitigen Verfahren auch zum rechtzeitigen Aufspüren von Betrugsfällen“, empfiehlt Den Hartog. Sofern der Betrug die Sicherheit beeinträchtigt, sind die teilnehmenden Unternehmen verpflichtet, dies GMP+ International innerhalb von 12 Stunden zu melden.

Ein kleiner Fehler braucht natürlich nicht gleich ein Hinweis für Betrug zu sein. Und Betrug erreicht nicht gleich das Niveau des europäischen Pferdefleischskandals von 2013. Dennoch sollten Unternehmen aufmerksam bleiben, auch bei „kleinen“ Betrugsfällen, erklärt Den Hartog. „Es geht weiter als nur Futtermittelsicherheit. Betrug kann auch ein starker Hinweis für größere Probleme innerhalb eines Unternehmens sein, etwa eine chaotische Betriebsführung oder finanzielle Probleme. Wenn dies der Fall ist, muss man sich fragen, ob man mit jenem Lieferanten weiterhin zusammenarbeiten möchte. Die Probleme dort werden längerfristig auch Ihr Problem werden.“
Ein kritischer Blick ist auch gewünscht, wenn der Lieferant nicht der Betrüger ist, sondern selbst einem Betrüger zum Opfer gefallen ist. „Studien weisen aus, dass in dem Fall, dass ein direkter Lieferant Betrug zum Opfer fällt, sich die Wahrscheinlichkeit, dass auch das eigene Unternehmen von Betrug getroffen wird, erhöht (Food fraud vulnerability and its key factors (Van Ruth, Huisman, Luning: Trends in Food Science & Technology, 67, 2017).“ Und das kann teuer werden: Ein Betrugszwischenfall kann einem Unternehmen 2 bis 15 Prozent seines Jahresumsatzes kosten, ist aus Untersuchungen aus der Lebensmittelindustrie ersichtlich (Consumer Product Fraud and Deterrence, Grocery Manufacturers Association, 2010).

 

Gespräch
Im Sektor kommt das Gespräch über Betrug immer mehr in Gang, stellt der Geschäftsführer von GMP+ International zufrieden fest. Die Organisation hat dies selbst stimuliert, indem ein Informationsdokument über Betrug veröffentlicht wurde. Dieses Dokument, das in Zusammenarbeit mit der Professorin für Food Authenticity Saskia Ruth von der Wageningen University erstellt worden ist, enthält Tools und Anweisungen für Unternehmen zum Erkennen von Betrug. So sind zum Beispiel bestimmte Erzeugnisse, Prozesse und Regionen anfälliger für Betrug als andere (flüssige Erzeugnisse lassen sich leichter verfälschen als feste Produkte).

Den Hartog: „Verhältnisse im Herkunftsland oder der Herkunftsregion können Unternehmen zur Begehung von Betrug veranlassen. Auch wenn Korruption und Armut vorherrschen, ist die Wahrscheinlichkeit für Betrug höher.“
Im Zweifelsfall können Unternehmen gezielt Organisationen untersuchen, etwa indem unabhängige Quellen wie die RASFF-Meldungen (wählen Sie zu `hazard´ die Wahlmöglichkeit `adulteration/fraud´ aus), die Datenbank der US Pharmacopeial Convention, wissenschaftliche Veröffentlichungen, GMP+-EWS-Meldungen, GMP-Newsletters, Gutachten von Instanzen oder Nachrichten in den Medien zu Rate gezogen werden. Außerdem können sich Unternehmen anhand des Transparency International Corruption Perception Index und des Multi-dimensional Poverty Index ein Bild über das Maß der Korruption in einer bestimmten Region verschaffen.
Misstrauen sei nicht nötig, meint Den Hartog. Aufmerksamkeit allerdings schon. „Betrug kann für ein Unternehmen enorme Folgen haben. Die Frage `Bin ich gut vorbereitet´ sollte sich jedes Unternehmen denn auch ständig stellen.“

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